Freitag, 18. August 2017

Zentralbanken: Sonderfall Nationalbank

Die US-amerikanische, Europäische, Japanische und Britische Zentralbank haben alle ein grosses Problem: Zuviele Staatsobligationen, Obligationen von staatlichen und halbstaatlichen Institutionen sowie notleidende Bankkredite in der Bilanz.

Diese Aufblähung der Aktiven entstand als Folge einer Anti-Krisen-Geldpolitik, die nach der Finanzkrise vor zehn Jahren davon ausging, der Kauf von Staatobligationen und die Rettung maroder Banken mit selbstgedrucktem Geld könne die Wirtschaft wieder ankurbeln.

Weil diese Hoffnung nicht aufging hat die EZB heute für knapp 2 Billionen Franken Eurozone-Staatsobligationen in der Bilanz, die BoJ für knapp 4 Billionen und das US-Fed für gut 2 Billionen. Dazu kommen bei allen drei Instituten noch weitere Billionenguthaben bei staatlichen und halbstaatlichen Institutionen. Beim US-Fed beispielsweise, bestehen 90 Prozent der Aktiven aus  US-Treasuries und Obligationen der staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddy Mac. Dass die jeweiligen Staaten solch gigantische Schulden je wieder zurückzahlen können scheint wenig wahrscheinlich.

Schulde ich dir 1 Milliarde, bin ich in deiner Hand, schulde ich dir 1 Billion bist du in meiner Hand. Gemäss diesem ehernen Gesetz der Schuldenwirtschaft befinden sich die genannten Zentralbanken in Geiselhaft ihrer jeweiligen Regierungen.

Nicht so die Schweizerische Nationalbank (SNB).

Die SNB hat keine Bundesobligationen gekauft, und der durch die UBS-Rettung die Bilanz gespülte Finanzmüll ist längst wieder entsorgt. Die Aufblähung der Aktiven in der SNB-Bilanz ist die Folge des Kaufes von Euros gegen selbstgedruckte Franken.

90 Prozent der SNB-Aktiven sind Devisenreserven. Im Prinzip beeinflussen diese Devisenreserven die Wirtschaftsentwicklung im Frankenraum nur indirekt und wenn, dann positiv.

Ein Problem hingegen ist die Höhe der Devisenreserven, weil der Betrag von über 700 Millonen Franken die Dimension des ungefähr gleich grossen Schweizer Bruttoinlandproduktes (BIP) sprengt.

Das weltweit beispiellose Verhältnis der SNB-Devisenreserven zum Schweizer BIP von 1:1 beeinträchtigt den Spielraum der Geldpolitik und muss durch Schaffung eines Staatsfonds  von 400 Milliarden Franken reduziert werden.

Samstag, 12. August 2017

Die überschüssigen Devisenreserven der Nationalbank sind ein politisches Problem

Wie jede grosse Krise hat auch die Weltfinanzkrise 2007/08  Gewinner und Verlierer produziert. Eine der grössten Gewinnerinnen ist die Schweizerische Nationalbank.

Weil die Reichen dieser Welt daran glauben, dass der Wert des Frankens stabiler bleibt als ihre Heimwährung, wollen sie Franken haben. Und sind bereit, mit ihren Dollars, Euros, Pfunds, Yens etc. Franken zu kaufen, welche die Nationalbank selber drucken kann.

Auf diesem Hintergrund haben sich die Devisenreserven der Nationalbank seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise vor zehn Jahren auf umgerechnet über 700 Milliarden Franken verfünfzehnfacht.

Das ist ungefähr gleichviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung der Schweiz in einem Jahr. Oder ungefähr gleichviel wie das Anlagevermögen sämtlicher Schweizer Pensionskassen.

Wieviel davon die Nationalbank für ihre Geldpolitik braucht ist umstritten - sagen wir mal die Hälfte. Anders gesagt hat die Nationalbank fast 400 Milliarden Franken überschüssige Devisenreserven in der Bilanz.

Je nach Entwicklung der Weltwährungslage, um nicht zu sagen des Weltwährungskrieges, (Eurokrise/Dollarschwäche/Pfundcrash/Renminbistärke), sowie der Entwicklung des "Safe-Haven-Status" des Frankens, können diese überschüssigen Devisenreserven zur Belastung für die Nationalbank werden und den Spielraum der Geldpolitik einengen.

Die geldpolitisch nötige Entlastung der Nationalbankbilanz von diesen Überschuss sprengt die Kompetenzen des dreiköpfigen Direktoriums im Rahmen seines verfassungsmässigen und gesetzlichen Mandates.

Den Betrag der für die Geldpolitik überschüssigen Devisenreserven muss die Nationalbank festlegen. Doch was mit dem Geld geschieht ist Sache der Bundespolitik.

Dienstag, 8. August 2017

Was tun mit den überschüssigen Devisenreserven der Nationalbank?

"Was tut die Schweizerische Nationalbank (SNB), wenn der Franken plötzlich deutlich schwächer wird?", fragt sich heute NZZ-Wirtschaftschef Peter A. Fischer. Und gibt gleich eine Antwort: "Theoretisch könnten ihre Händler vorsichtig damit beginnen, Devisenreserven aus der grossen SNB-Bilanz zu verkaufen."

Doch so simpel ist die Schweizer Geldpolitik nicht.

Die SNB ist eine Zentralbank, keine profitstrebige Devisenhändlerin wie Citigroup, Goldman Sachs, UBS, Deutsche und wie sie alle heissen.

Die SNB muss ihr verfassungsmässiges und gesetzliches Mandat erfüllen, die Geld- und Währungspolitik im Landesinteresse so zu gestalten, dass das Geld seinen Wert behält und sich die Volkswirtschaft gut entwickeln kann.

Die vielen Euros, welche die SNB in den vergangenen Jahren gekauft, und mit aus dem Nichts geschöpften Franken bezahlt hat, blähen die Bilanz. Auf der Aktivseite als überschüssige Devisenreserven und auf der Passivseite als überschüssige Girogelder. Also als Schuld der SNB gegenüber jenen Finanzinstituten, von denen sie in den vergangenen Jahren Euros gekauft, und mit aus dem nichts geschöpften Franken bezahlt hat.

Weil das aus dem Nichts geschöpfte Nationalbank-Girogeld nur zwischen dem Bankensystem und der Nationalbank zirkuliert, nicht zwischen der Nationalbank und den privaten Unternehmungen, muss jeder SNB-Devisenverkauf mit der entsprechenden Verringerung der Verpflichtung gegenüber einer Girobank gekoppelt sein.

Wird der Abbau überschüssiger Devisenreserven nicht mit dem Abbau der überschüssiger Guthaben der Girobanken gekoppelt, fällt der Geldschöpfungsgewinn nicht der Volkswirtschaft als ganzes zu, wo er hingehört, sondern dem privaten Bankensystem.


Freitag, 7. Juli 2017

Festschrift für Ernst Baltensberger: Vollgeld ist gut - E-Franken sind besser

"Es begann im Sommer 1976 auf dem Bauschänzli", schreibt das Nationalbank-Direktorium in seiner Würdigung zum 75. Geburtstag von Ernst Baltensberger, "der Gartenwirtschaft auf der künstlichen Limmatinsel unweit des Hauptgebäudes der Schweizerischen Nationalbank (SNB) in Zürich. Ernst Baltensberger, der seinerzeit an der Ohio State University lehrte, war von Kurt Schiltknecht, dem späteren Chefökonomen der SNB, eingeladen worden. Dieser hatte vom Direktorium den Auftrag erhalten, eine Forschungsgruppe aufzubauen und wandte sich auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern auch an seinen ehemaligen Zürcher Studienkollegen."

Mit der unlängst publizierten Festschrift hat sich das SNB-Direktorium nicht lumpen lassen. Das sorgfältig gestaltete dreisprachige Werk vereint 27 fachlich hochstehende, auch für Nichtökonomen verständliche Beiträge zu Geld, Geldpolitik, Banken und Finanzen.

Der grosse Festakt mit dem das Direktorium die Ehrengabe für den Grand Old Man der Nationalbank-Ökonomen präsentierte wurde gefilmt, und ist auf der SNB-Webseite abrufbar. Das aufwändige Event liegt ganz auf der Linie von Bundesrat Alain Berset,  der die Hälfte der für nationale Kulturpreise budgetierten Millionen nicht an Kulturschaffende verteilt, sondern für medial gepushte Preisverteilungs-Events einsetzt.

Bei allem Respekt für Ernst Baltensberger, bei dem auch Thomas Jordan und Fritz Zurbrügg studierten, die aufwändige Festschrift und der grosse Festakt muss auch als Eigenlob für die SNB-Geldpolitik insgesamt verstanden werden.

Der grosse Abwesende

Der Mann, der Baltensberger 1976 zur SNB holte war nicht da. Kurt Schiltknecht müsse in Lausanne Kinder hüten, so ähnlich sagte Baltensberger in seiner Festansprache.

Schiltknechts Beitrag zum Buch trägt den Titel "Unkonventionelle Geldpolitik: Eine Sackgasse?" Wobei das Fragezeichen überflüssig ist, da der Autor die  Meinung vertritt, die Finanz- und Bankenkrise sei mit unkonventioneller Zentralbanken-Geldpolitik nicht lösbar, sprich mit Geldmengenausweitung durch Kauf von Staatsobligationen und der Übernahme von faulen Bankkrediten, ergänzt noch durch regelmässige detailierte Informationen der Zentralbank über die zukünftige Geldpolitik.

Mit der Geldpolitik der Nationalbank haben Schildknechts Ausführungen wenig bis gar nichts zu tun. Mal abgesehen von der UBS-Rettungsaktion kaufte die Nationalbank seit 2008 keine faulen Bankkredite, und schon gar keine Bundesobligationen. Und angesichts der völlig überraschenden Einführung und Aufhebung der Frankenuntergrenze kann auch von einer "Forward-Guidance-Informationspolitik" keine Rede sein.

Die historisch beispiellose Ausdehnung der SNB-Bilanz seit der Finanzkrise 2008 ist die Folge der enormen Eurokäufe, welche die Nationalbank zwecks Schwächung des Aufwertungsdruckes auf den strukturell starken Franken tätigte.

Das heisst, das aus dem Nichts geschöpfte Nationalbank- oder Giralgeld hat bei der SNB nicht marode Bankkredite und Junk Bonds von der eigenen  Staatskasse in die Bilanz gespült, wie beim Fed,  der EZB und der BoE,  sondern Euros, die im Rahmen der Anlagepolitik der Fremdwährungsreserven mitlerweilen in AAA-Obligationen und Aktien verschiedener Währungen gewandelt worden sind.

Der Kauf von internationalen Aktien und Fremdwährungs-Obligationen mit selbstgedruckten Franken machte die Nationalbank, oder besser die Frankenwährung seit der Finanzkrise zu einer der grössten Gewinnerinnen auf den Finanzmärkten. Vor zehn Jahren lagen die Devisenreserven der Nationalbank bei geschätzten 5 Prozent des Gesamtvermögens aller Schweizer Pensionskassen, heute machen die SNB-Devisenreserven ungefähr 90 Prozent der Pensionskassenvermögen aus.

Zwei Beiträge aus der Küche von Schloss Gerzensee

"Die Zukunft des Teilreserve-Bankensystems" lautet der Titel des Textes von Cyril Monnet, Professor an der Uni Bern, Leiter der Doktorandenkurse am Nationalbank-Studienzentrum Gerzensee, sowie SNB-Berater für Finanzstabilität. Auf das zentrale Problem seines Themas für die Nationalbank geht der Autor leider nicht ein.

Dass nämlich das Schweizer Bankensystem die von der Nationalbank vorgeschriebenen Teil- oder Mindestreserven auf Kreditausleihungen um fast 3100 Prozent überschreitet. Immer wenn eine Bank einen Kredit gewährt, muss sie dafür einen vom jeweiligen Kreditrisiko bestimmten Betrag von 1 bis 3 Prozent der Kreditsumme bei der Nationalbank hinterlegen. In absoluten Zahlen bezifferten sich die Mindestreserven des Bankensystems bei der Nationalbank nach neuesten Zahlen im Durchschnitt auf knapp 500 Millionen Franken. Entsprechend den aktuellen Mindestreservesätzen wären jedoch nur etwa 50 Millionen nötig.

Ein Gerzensee-Professor und SNB-Finanzstabilitätsberater der über die Zukunft des Teilreserve-Bankensystems schreibt, darf über die 3100 prozentige Überschreitung der Mindestreserven im Franken-Wirtschaftsraum nicht schweigen.

Die enormen überschüssigen Mindestreserven sind eine Folge der SNB-Geldpolitik. Entstanden als Folge der Mechanik der SNB-Eurokäufe.

Die SNB kauft die Euros nicht direkt bei der EZB, sondern bei privaten Devisenhändlern und bezahlt diese mit selbstgeschöpften Nationalbank-oder Giralgeld. Dieses Giralgeld bleibt auf dem Konto des betreffenden Devisenhändlers bei der SNB. Die Euros für die SNB beschaffen sich die Devisenhändler bei anderen Devisenhändlern gegen Bezahlung mit einer Gutschrift (einem Kredit) auf dem Konto des jeweiligen Lieferanten. Dadurch epandiert sowohl die Menge des Nationalbank- oder Giralgeldes auf den Konten der Banken und Devisenhändler bei der Nationalbank, als auch das vom Bankensystem geschaffene, in der Realwirtschaft zirkulierende Buch- oder Kreditgeld.

E-Franken für alle

"Die Vollgeld-Initiative und eine Alternative", lautet der Titel des zweiten Textes, den ich an dieser Stelle kurz kommentieren möchte, verfasst von Dirk Niepelt, Leiter des Studienzentrums Gerzensee und ebenfalls Professor an der Uni Bern. Darin nimmt Niepelt den Ball der in einem Jahr zur Abstimmung kommenden Vollgeldinitiative auf, und spielt ihn mit einer Variante der Intitiative zurück, dem elektronischen Vollgeld für alle.

Die Vollgeldinitiative will das historisch entstandene kapitalistische Geldsystem abschaffen, gemäss dem der grössten Teil der Geldmenge nicht von der Nationalbank geschöpft wird, sondern durch Kreditvergabe des privaten Bankensystems. Die Initiative will den Banken die aktive Buchgeldschöpfung durch Kreditvergabe verbieten. Banken sollen die Kreditvergabe nicht mehr durch selbstgeschaffene Sichteinlagen in ihrer eigenen Bilanz finanzieren können, sondern nur noch durch Nationalbankgeld. Sämtliche Sichteinlagen des Publikums im Bankensystem sollen nicht mehr nur durch den Minestreservesatz, sondern voll durch Nationalbankgeld gedeckt werden.

Die Initiative lege den Finger auf einen wunden Punkt, schreibt Niepelt sinngemäss, die vorgeschlagenen Lösungsinstrumente taxiert er jedoch als "weder effizient noch effektiv". Niepelt schlägt vor,  die private Buch- oder Kreditgeldschöpfung der Banken so zu lassen wie sie ist. Und die anscheinend auch von ihm angestrebte Neuordnung des Schweizer Geldsystems schrittweise durch die Etablierung einer zusätzlichen neuen Geldsorte durch die Nationalbank zu eröffnen, dem elektronischen Franken für alle.

Heute haben nur Banken Zugriff auf das Nationalbank- oder Giralgeld. Der E-Franken gäbe neu auch der Allgemeinheit, die bislang nur auf Banknoten zugreifen kann, den freien Zugriff auf die neue Geldsorte. Der E-Franken erlaubt beim Zahlungsverkehr und den Spareinlagen die freie Wahl zwischen dem staatlichen Nationalbankgeld, oder dem privaten Buch- oder Kreditgeld.

Die Währungsreserven der Nationalbank sind gross genug zur Schaffung des nötigen nationalen und internationalen Vertrauens in den E-Franken.

Quantität und Zins des E-Frankens kann die Nationalbank geldpolitisch beeinflussen. E-Franken können ganz oder teilweise als Kryptowährung auf Basis einer Blockchain mit kontrolliertem Zugang emittiert werden. Die technische Infrastruktur wäre Sache einer E-Franken-Transaktionsbank, die den Frankenraum mit den anderen Währungsräumen koppelt.

Die überschüssigen Giroeinlagen des Bankensystems können zu nichtrückzahlbaren, unverzinslichen Darlehen an das E-Bankenemissionsinstitut gewandelt werden, eine neue Nationalbank-Annexanstalt, für die E-Franken Geldpolitik.

Bingo! Hier lang geht's weiter, Vollgeld ist gut, E-Franken sind besser.

Dienstag, 13. Juni 2017

UBS-Schweiz Chef im Ringier Verwaltungsrat - More bad news für die NZZ

UBS-Schweiz-Chef Lukas Gähwiler sitzt neu im Ringier Verwaltungsrat.

Dort trifft er auf den UBS-nahen Claudio Cisullo, zu dessen Einkaufsorganisation Chain IQ die UBS ihren Wareneinkauf ausgelagert hat.

Ganz abgesehen von den negativen Implikationen der Verflechtungen der grössten Bank mit dem grössten Medienkonzern für den wirtschaftsunabhängigen Journalismus, ist die Annäherung Ringier-UBS kurz nach dem nzz.at-Crash und dem Veit Denglers fristlosem Abgang für die NZZ eine weitere schlechte Meldung.

Ringier hat die früher unzerstörbar scheinende Achse NZZ-UBS geknackt. Unvergessen wie die NZZ früher manchmal Pressemeldungen dieser Bank abdruckte, nämlich 1:1 mit dem Titel "Die UBS stellt richtig". Und wie umgekehrt die NZZ bei der UBS stets Vorzugsbehandlung genoss.

Tempi passati. Der direkte Draht von der Bahnhofstrasse führt heute an die Dufourstrasse, nicht mehr an die Falkenstrasse.

Wie sich die Annäherung Ringier-UBS publizistisch auswirkt bleibt abzuwarten.

Freitag, 2. Juni 2017

Krise bei der NZZ: CEO gecrasht, und der Chefredaktor kann keine Leitartikel schreiben

Der flotte Austroamerikaner vom Sechseläutenplatz ist gecrasht.

Veit Denglers ambitiöser Plan, die Traditionsmarke NZZ nach dem Vorbild globalisierter englischsprachiger Brands wie "Economist", "WSJ" oder "FT" zu einem Onlinekanal für den ganzen Deutschen Sprachraum aufzubauen ist gescheitert.

Wenn nzz.at in Denglers Heimat Österreich nicht funktioniert, dann kann es auch mit nzz.de im grossen Kanton nicht klappen.

Als Unternehmensleiter war Dengler eine klare Fehlbesetzung. Die NZZ hätte den Online-Hipster mit politischen und journalistischen Ambitionen als Chief Digital Officer anstellen sollen. Mit einem Buchhalter als CEO vor der Nase, der die Cash-Burn-Rate von Veit "live-the-wild" Dengler im Griff gehabt hätte.

Das schleckt keine Geiss weg: NZZ-VR-Präsident Etienne Journod und der Verwaltungsrat haben bei ihrer wichtigsten Aufgabe versagt, einen guten Geschäftsführer für ihre AG einzustellen.

Der neue CEO muss kleinere Brötchen backen. Sprich den finanziell tragbaren Auf- und Ausbau eines Onlinekanals nicht für den gesamten deutschsprachigen Raum managen, sondern die Digitalisierung der Marke NZZ in der grössere Metropolitanregion Zürich, mit den beiden Subzentren Luzern und St. Gallen. (Basel gehört meines Erachtens, sorry liebe Waggisköpfe, aus Globalperspektieve auch zum grösseren Metro Zürich, weshalb sich aus wirtschaftlichen Gründen die Fusion BaZ-NZZ empfielt.)

Diese "Metropolitanraum-Zielsetzung" ist auch ein zentrales Element des Anforderungsprofils für den NZZ-Chefredaktor. Für diesen Job braucht es einen oder eine, die den kalten Wind am Sechseläutenplatz mit der Hosensackwärme von St. Gallen und Luzern verbindet. Und als Metro Zürichs gemeinsame Stimme in Bern vertritt - okay nur als neoliberal-rechtsbürgerliche Stimme, auf der anderen Seite müssen halt WOZ, infosperber.ch, tsüri.ch und weitere Kanäle mit der kommenden republik.ch fusionieren.

So einer ist Eric Gujer nicht. Der langjährige Deutschlandkorrespondent und Geheimdienstspezialist ist der Mann der NATO-Konferenzen, und der vertraulichen Gespräche mit den kleinen und grossen Machthabern dieser Welt. Der Machtpolitiker Gujer wurde mit Blick auf die gecrashten deutschsprachraum-Ambitionen der NZZ eingestellt, und hätte gegen FAZ, Welt und Süddeutsche antreten sollen. Dafür wäre Gujer im Prinzip okay, wenn nur, wenn er Leitartikel schreiben könnte. Und das kann er nun wirklich nicht - was ich als sein Leser meine,  nicht weil ich politisch ganz anders gewickelt bin.

Zugegeben, Gujers NZZ-TV-Show habe ich noch nie gesehen, aber einer der seine politischen Überzeugungen mit solch unterirdischen Editorials ausdrückt,  eignet sich nicht dazu, die Hosensackwärme von St.Galler Lokalmatadoren bei zwei, drei Bierchen auszuloten, oder sich in Luzern mit einem schwerreichen Expat eine Cohiba plus ein, zwei Flaschen guten Bordeaux zu genehmigen.

Ganz abgesehen von seinem mangelndem Schreibtalent scheint Eric Gujer mit dem Untergang der alten anglo-euro-amerikanisch-transatlantischen Welt seinen politischen Kompass verloren zu haben. Und immer noch den Anschluss zu suchen an die neue multipolare Welt der Trumps, Macrons, Corbyns, Erdogans, Putins, Xi Jinpings, etc, etc.

Ohne CEO und mit dem falschen Chefredaktor sitzt die NZZ heute tief in der Tinte. Keine einfache Aufgabe für Etienne Journod und den Verwaltungsrat da wieder heraus zu finden.

Mittwoch, 19. April 2017

Die Internationaliserungsstrategie der NZZ ist kommerziell gescheitert

Mit dem Ende von nzz.at ist die NZZ-Internationalisierungsstrategie, genauer deutsche Sprachraumstrategie, kommerziell gescheitert.

NZZ-CEO Veit Dengler hat die Kohle verbrannt, die ihm der Verwaltungsrat für das Projekt nzz.at zugesprochen hat. Damit ist auch das bereits angedachte Projekt nzz.de gestorben. Der kommerzielle Crash des munteren Austroamerikaners zeigt, dass die NZZ-Internationalisierungsstrategie marktwirtschaftlich nicht funktioniert.

Eine internationalistische, deutschsprachige Publizistik-Plattform baut keiner ohne Sugardaddy  -  Folgerichtig versuchts der erste nzz.at Chefredaktor Michael Fleischhacker heute mit Red-Bull-Miliardär Dietrich Mateschitz.

Ohne Sponsor kann sich der Brand NZZ nicht entschweizern und deutsch sprachregionalisieren. Einer muss die Anlaufkosten übernehmen.  Uber? Google? Facebook? Alibaba? Baidu? Tencent?

Damit rückt das weltanschauliche Fundament der NZZ-Internationalisierung in den Fokus.

Warum eigentlich, soll die NZZ von einer publizistischen Plattform für die Schweiz zu einer publizistischen Plattform für den gesamten deutschen Sprachraum umgebaut werden?