Montag, 6. November 2017

Kurt Schiltknecht hat recht: Die Nationalbank-Bilanz muss raschmöglichst verkürzt werden

Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren wachsen die Devisenreserven der Nationalbank (SNB). Und beziffern sich mittlerweilen auf umgerechnet 761 Milliarden Franken, oder ungefähr 95 Prozent aller Aktivposten in der SNB-Bilanz.

Zum Vergleich: Die Devisenreserven der EZB  belaufen sich auf umgerechnet ungefähr 42 Milliarden Euro oder ungefähr 12 Prozent der bilanzierten Aktiven.

Wie hoch die Devisenreserven einer Zentralbank sein sollen, ist für jede einzelne Institution gesondert zu beantworten. Als Faustregel gilt die Guidotti-Greenspan-Regel die besagt, dass die Reserven eines Landes gleich der unterjährigen Auslandsverschuldung sein sollten, um einem schockartigen Abzug von kurzfristigem ausländischen Kapital jederzeit widerstehen zu können. Nach dieser Regel bräuchte die SNB nur wenig Devisenreserven, weil der Finanzplatz Schweiz bislang noch keine solche Situation erlebte. Ganz im Gegenteil, seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 führten die Krisen und Kriege der letzten 150 Jahre unter dem Strich zu einem Kapitalzufluss in die Schweiz.

Auch im Vergleich zu den Dimensionen der Realökonomie des Wirtschaftsraumes Schweiz sprengen die 761 Millarden Devisenreserven sämtliche Relationen. Sie liegen 111 Milliarden höher als das Bruttoinlandprodukt 2016 von 650 Milliarden Franken, und fast gleich hoch wie das investierte Gesamtvermögen aller Schweizer Pensionskassen.

Zugegeben, diese makroökonomischen Missverhältnisse sind alle bekannt, laut SNB-Direktorium kein Problem und werden, wohl darum, in Politik und Medien kaum je thematisiert.  Einzig von Alt-SNB-Chefökonom Kurt Schiltknecht kassierte die SNB bislang gröbere Schelte wegen der aufgeblähten Bilanz. Wenn die SNB ihre Bilanzsumme nicht unverzüglich herunterfahre, so Schildknecht in der NZZ vom 7.10.17, werde die Geldpolitik "nicht in der Lage sein, der nächsten Krise die Stirn zu bieten".

Wo Schiltknecht recht hat, da hat er recht, die überschüssigen Devisenreserven rauben der Geldpolitik den Spielraum in einer zukünftigen Krise und müssen raschmöglichst aus der SNB-Bilanz verschwinden.

Die Frage, wie die dringend nötige Bilanzschrumpfung der SNB vorgenommen werden soll ist kein geldpolitisches, sondern eine strukturpolitisches Problem, das von Nationalbank, Bundesrat, Parlament und schliesslich den Stimmberechtigten gelöst werden muss.

Montag, 30. Oktober 2017

Auslandvorarlberger Gerhard Schwarz oder Tessiner Sergio Ermotti: Wer ist der besser Schweizer?

Als der Vorarlberger Landeshauptmann unlängst die im Ausland erfolgreichen Landsleute zum Network-Treffen an den Bodensee rief, kam auch der Schweizer Pensionist Gerhard Schwarz. Schwarz, der das heimatliche Hard vor vielen Jahren zum Studium an der helvetischen Kaderschmitte in St. Gallen verliess, avancierte später bei NZZ und Avenir Suisse zum neoliberalen Totengräber der einstigen korporativistischen Schweiz AG.

In seiner NZZ-Kolumne vom letzten Samstag hat sich Schwarz in einer Art und Weise zum Sonderfall Schweiz bekannt, der wohl auch die Zustimmung von Christoph Blocher, Roger Köppel  und der SVP finden dürfte.

Demnach wird die Schweiz wird nicht durch eine gemeinsame Kultur, Sprache und Religion zusammengehalten, sondern durch vier auf das Land zugeschnittene, kaum kopierbare politische Institutionen: "Es sind dies die direkte Demokratie, die Vielfalt ermöglicht; das Milizprinzip, das die Berufspolitik verhindert; der Nonzentralismus, der Unterschiede zulässt; und die Konkordanz, die den Kompromiss lebt."

"Über all dem", so Schwarz weiter, "thront das genossenschaftliche Staatsverständnis, das in der Schweiz die Aussage «Der Staat, das sind wir alle» nicht zur Hypokrisie werden lässt. Dank ihm hält die Schweiz Äquidistanz zum Respekt ihrer Nachbarländer vor dem Obrigkeitsstaat und zur Radikalkritik am Staat der amerikanischen Libertären."

Gemäss Schwarz halten die erwähnten vier Institutionen, ergänzt noch durch das genossenschaftliche Staatsverständnis "die vielfach fragmentierte Willensnation Schweiz, voller Gegensätze zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Zugewanderten und hier Geborenen, Stadt und Land sowie zwischen Regionen, Religionen, Sprachen und Kulturen, zusammen."

Kein Wunder, gilt der einstige NZZ-Wirtschaftschef heute bei seinen Nachfolgern nicht mehr als Neoliberaler, sondern als Ordoliberaler - was allerdings nur für die an den ideologischen Besonderheiten des Bindestrich-Liberalismus interessierten von Bedeutung ist. NZZ-Chefredaktor Eric Gujer schrieb einmal (sinngemäss) Neoliberal, Ordoliberal, scheissegal.

Gleichzeitig zu Schwarzens Schweizer Sonderfall-Bekenntnis, kassierte UBS-Chef Sergio Ermotti am letzten Samstag viel Kritik für seine Aussage, die ausländischen Mehrheitsaktionäre könnten die UBS-Zentrale in ein anderes Land verlegen. Er selber würde diese gerne in der Heimat belassen, aber „nichts ist zu 100 Prozent sicher“.

Statt den ausländischen UBS-Mehrheitsaktionären mit: Nur über meine Leiche zu antworten, wie es jeder Patriot verlangt, der einen Schuss Pulver wert ist, oder mit:  Euch brauchen wir gar nicht mehr, wir haben jetzt Google, wie ein anständiger Neoliberaler, ist der smarte Tessiner vor den Ausländern sang und klanglos eingeknickt.

Wer ist der bessere Schweizer, Ermotti oder Schwarz? das ist hier die Frage.

Freitag, 22. September 2017

Unerwünschte Konsequenz der Geldpolitik: Nationalbankaktie wurde Spekulationspapier

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist eine Aktiengesellschaft der besonderen Art. Die Aktienmehrheit liegt bei den Kantonen,  die Aktienminderheit ist frei käuflich, wobei diese Aktien kein Stimmrecht haben.

Der Börsenkurs dieser SNB-Aktien hat sich in den vergangenen 12 Monaten verdreifacht. Da stellt sich die Frage, wie dieses stimmrechtslose Wertpapier zum Spekulationsobjekt werden konnte.

Die Antwort darauf ist klar: Die Geldpolitik der SNB, sprich die kontrollierte Abwertung des Frankens durch Käufe von Euros gegen selbstgeschöpftes Franken-Girogeld, hat die Nationalbank in einen verkappten Staatsfonds verwandelt.

Die SNB-Aktiven bestehen zu über 90 Prozent aus Devisenreserven. Das ist eine Besonderheit, die Aktiven anderer Zentralbanken wie dem US-Fed, der EZB oder der BoJ bestehen aus Staatsobligationen und Wertpapieren in der eigenen Währung.

Diese Devisenreserven im Gegenwert von weit über 700 Milliarden Franken - fast gleichviel wie das investierte Gesamtkapital der 2. Säule - wurden mittlerweilen in Euro-, Dollar-, Yen-, etc. Wertpapiere diversifiziert. Die SNB ist heute Grossaktionärin bei vielen Unternehmen, etwa bei Apple, Amazon, Alphabet, IBM oder Microsoft.

Fazit: SNB kaufen.

Montag, 18. September 2017

Das "Utility Settlement Coin" als Vorstufe zum elektronischen Franken der Nationalbank

Gestern veröffentlichte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich einen Report zum Kryptocash, einer zurzeit von zahlreichen Zentralbanken angedachten neuen elektronischen Geldsorte, mit der ohne Dazwischenschaltung eines Bankkontos gleichermassen anonym bezahlt werden kann, wie mit Banknoten einer Zentralbank.

So ein elektronischer Franken wäre gleich viel Wert wie eine Frankenmünze. Und 1000 elektronische Franken wären gleich viel wert wie eine Tausendernote.

Doch anders als mit der Banknote, die ich physisch über den Ladentisch schieben muss, kann ich mit dem e-Franken durch direkte Übertragung per Smartphone bezahlen, ohne dass eine Debit- oder Kreditkarte, bzw. ein Bank- oder Postkonto eines privaten Finanzinstitutes dazwischengeschaltet werden muss.

Die e-Franken wird direkt von der Nationalbank (SNB), oder einer neuen SNB-Anexanstalt ausgegeben, und von den gleichen Währungs- und Goldreserven gesichert, wie die zwei bisherigen SNB-Geldsorten, das Notengeld und das Giralgeld. Und können als volle Kryptowährung ausgegeben werden, oder von einem kontrollierten System, in dem nur reinkommt, wer der SNB bekannt ist.

Der hohe Giralgeldüberschuss, den die SNB aufgrund der enormen Eurokäufe der letzten Jahre in der Bilanz akkumuliert hat, kann durch die Umwandlung des Giralgeldüberschusses in e-Franken abgebaut werden.

Auffallend ist die Bedeutung die der BIZ-Kryptocash Report den "Utility Settlement Coins" (USC) gibt, einem Projekt von UBS, Credit Suisse und zahlreicher anderer globalisierter Investmentbanken.


Diese USC sind das Spiegelbild eines Korbes verschiedener Zentralbankwährungen, den die Privaten Banken die beim Projekt mittun, als Sicherheit für jedes USC Token das sie herausgeben, in einem Treuhandkonto bei der betreffenden Zentralbank hinterlegen.

Diese USC werden überflüssig, sobald die Nationalbank oder eine andere Zentralbank eine eigene e-Geldsorte einführen, auch wenn das System der privaten USC-Emittenten technisch funktioniert.

Donnerstag, 14. September 2017

Tages-Anzeiger-Wirtschaftschef-Stv. Holger Alich fordert Wirtschaftskrieg Schweiz-China

Vor kaum zwei Monaten neu als Ressortleiter-Stellvertreter Wirtschaft zum Tages-Anzeiger gekommen, riskiert der deutsche Wirtschaftsredaktor Holger Alich im heutigen Blatt bereits eine dicke Lippe.

"Die Schweiz darf nicht naiv sein" schreibt Alich, und fordert mit Hinweis auf die Verhältnisse in den USA und der EU auch in der Schweiz Staatseingriffe gegen den "Kaufrausch" chinesischer Firmen.

Die Argumentation seines anti-chinesischen TA-Leitartikels entspricht im Grunde den Ansichten des einstigen Trump-Beraters Steve Bannon, der heute auf dem rechtsradikalen US-amerikanischen Newsportal Breitbart den Wirtschaftskrieg der USA gegen China fordert.

Die Forderung des Tages-Anzeiger-Wirtschafts-Stv. nach geopolitischem Protektionismus wirft nicht nur die Grundprinzipien des wirtschaftsliberalen Freihandels über Bord, sondern auch die traditionelle Schweizer Neutralität, und Sinn und Geist des Freihandelsabkommens Schweiz-China obendrein.

Journalistisch ist das alles nicht. Non-Story. Neue Fakten aus Politik und Wirtschaft fehlen. Es handelt sich vielmehr um einen ideologisch bedingten Vorstoss eines TA-Redaktors zur Destabilisierung des Freihandelsabkommens Schweiz-China.

Angesichts dieser ideologischen Frontalattacke gegen die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik stellt sich die Frage, wo Holger Alichs Loyalitäten laufen.

Vielleicht sollt sich TA-Journalismusqualitätschef Res Strehle gelegentlich der politischen Instrumentalisierung von Tamediaprodukten durch einzelne Redaktoren widmen. Seit der kommerziell erzwungenen Abschaffung der alten Tamedia-Redaktionsstrukturen hst diese Problematik viel an Bedeutung gewonnen.

Montag, 4. September 2017

Nationalbank-Geldpolitik: Private Banken kassierten letztes Jahr 50 Milliarden Geldschöpfungsgewinn

Gemäss einer heute veröffentlichen Statistik der Nationalbank kassierten die Schweizer Banken vom 19.7.16 bis 19.7.17 insgesamt 50 Milliarden Franken Geldschöpfungsgewinne.

Link: Mindestreserven: Erfüllung für die letzen 12 Unterlegungsperioden
https://www.snb.ch/de/mmr/reference/gwd_20170904/source/gwd_20170904.de.pdf

Dieser enorme Geldschöpfungsgewinn für die privaten, gewinnstrebigen Banken entstand als direkte Folge der Geldpolitik der gemeinnützigen, nicht gewinnstrebigen Nationalbank.

Seit der Finanzkrise besteht die Geldpolitik der Nationalbank aus der Schwächung des Frankenkurses gegenüber dem Euro durch Eurokäufe. (Mit flankierenden Negativzinsen.) Diese Euros kauft die Nationalbank nicht direkt bei der Europäischen Zentralbank, sondern bei privaten Banken, die sie mit aus dem Nichts geschöpften Franken-Gutschriften auf deren jeweiligem Girokonto bei der Nationalbank bezahlt.

Die daraus resultierende Privatisierung der 50 Miliarden Geldschöpfungsgewinne des vergangenen Jahres - seit Ausbruch der Finanzkrise sind es ungefähr 10 mal soviel - verlief wiederum weitgehend unkommentiert.

Weder politische Parteien noch Mainstreammedien haben das zentrale Thema der Schweizer Wirtschaftspolitik thematisiert.

Einzig die Vollgeldler weisen als einsame Rufer in der Wüste darauf hin, dass der aus Ausdehnung der Geldmenge zwecks Eurokauf entstehende Geldschöpfungsgewinn, dem Staat gehört, und nicht den Banken.

Freitag, 1. September 2017

Das "Utility Settlement Coin" Projekt der UBS und der elektronische Franken

Im Sommer 2015 starteten die UBS und das Londoner Fintech-Startup Clearmatics das Projekt "Utility Settlement Coin" (USC).

Vereinfacht gesagt geht es dabei um die Übertragung der Bitcoin-Technologie (Blockchain/Distributed Ledger) auf das Zentralbankengeld, also Dollars, Euros oder Franken.

USC ist Krypto-Cash auf der Basis von Blockchain/Distributed Ledger.

Also keine staatlich unregulierte Krypotwährung wie Bitcoin und andere, sondern ein Äqivalent für Dollar, Euro, Franken etc. als USC-Dollar, USC-Euro, USC-Franken, etc.. Auf dem Distributed Ledger wären solche Tokens immer soviel Wert wie die darunterliegende Zentralbankenwährung.

Wenn alles so tut, wie es sollte, sind damit elektronische Direktzahlungen in Zentralbankengeld, Dollars, Euros, Franken etc. möglich.

Also etwas, das bislang unmöglich ist. Wenn ich heute per E-Banking zahle, brauche ich ein Bankkonto wo kein Zentralbankengeld drauf ist, sondern Kreditgeld der Bank.

Im Sommer 2016 schlossen sich vier weiter Banken dem USC-Projekt an, nämlich BNY Mellon, Deutsche Bank, Santander und NEX. Und gestern schliesslich war auf coindesk.com zu erfahren, dass sich sechs weitere Finanzgiganten am USC-Projekt beteiligen, nämlich Barclays, CIBC, Credit Suisse, HSBC, MUFG und State Street.

In der letzten Projektphase geht es um die Definition der nötigen Banken-Zusammenarbeit, eines elektronischen Zentralbanken-Cash-Äquivalentes des USC-Tokens, sowie den rechtlichen Erfordernissen einer Echtzeit-Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer mit USC.

Das Ziel des USC-Projektes der 11 globalisierten Investment Banken ist ein effizienterer Wertpapierhandel. Anstatt wie heute durch ein kompliziertes Netz von Mittelsmännern und Clearinghäusern mit den dazugehörigen Risiken, sollen Wertpapiere zukünftig durch Übertragung des Gegenwertes in USC in einem Aufwisch rechtsgültig übertragen werden können.

USC und elektronischer Franken

Mit der vom USC benutzten Blockchain/Distributed Ledger-Technologie könnte die Nationalbank auch einen elektronischen Franken schaffen. Ein elektronisches Äquivalent der Banknoten mit dem gleich wie mit Bargeld bezahlt werden könnte. Technisch könnten Konti für dieses Geld  problemlos von einer neuen Abteilung der Nationalbank, der Postfinance oder dem Bankensystem oder von allen drei geführt werden.

Ein solcher elektronischer Franken hätte alle Vorteile des Vollgeldes, über das im Juni 2018 abgestimmt werden soll.  Aber ohne den Nachteil der Installation einer vom dreiköpfigen Nationalbank-Direktorium geführten Wirtschaftsdiktatur der staatskapitalistischen Vollgeld-Schweiz.